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Der Idiot und das Team

 

 Ein Beitrag von Katja Czellnik

 

 

"...aus der conditio humana selbst folgt, daß Menschen ihre begrenzten Intelligenzen so miteinander kombinieren sollten, daß sie gemeinsam klüger würden."

(Sloterdijk)

 

 

Schaut man auf die jüngere Entwicklung im Theater, so fällt angenehm auf, dass die Zeit der starren Hierarchien allmählich vorbei zu sein scheint.

Ein Systemwechsel steht bevor, sicher auch begünstigt durch das Gefühl der Stagnation, der Lähmung oder - noch schlimmer -  der Überflüssigkeit.

Neue Impulse kommen interessanterweise meist von unterschiedlich zusammengewürfelten Kollektiven aus den Grenzbereichen zur freien Produktion oder - im Musiktheater - aus der Hinwendung des Sprechtheaters zum (leider oft falsch verstandenen) Pathos.

 

Im Schatten der wankenden Großinstitutionen, die ihre Position durch Fassadenklitterung behaupten wollen, anstatt die eingerostete Konstruktion einer Grunderneuerung zu unterziehen, schiessen neue Keimzellen emsiger Produktivität wie die Pilze aus dem Boden. Statt karriereorientiertem Alleingang herrschen dabei Teamgeist und die Neugier auf das jeweils Andere vor, das Bedürfnis nach Potenzialergänzung im Idealfall durch ein virtuoses "tiqui taca" Spiel. Beweglichkeit, Mut zum Positionswechsel und Austausch sind gefragt, mehr als Originalität, Positionsbehauptung und Abgrenzung.

 

Solche Dinge können im Bewusstsein verankert und trainiert werden, vorausgesetzt, der Spieler erkennt den Wert des Teamspiels.

 

"Der Idiot ist Experte fürs Eigene und Laie für alles übrige, und in diesem Sinn sind alle Menschen in einem wohlverstandenen Sinn zunächst und zumeist idiotisch."

(Sloterdijk)

 

 

In so einer neu zusammengestellten Mannschaft ist auch die Position des "Bühnenbildners" einer Überprüfung zu unterziehen entwickelt sich eine szenischen Konzeption doch im gegenseitigen Ballzuspiel, bei dem man im Idealfall am Ende nicht mehr unterscheiden kann, wer auf welcher Position spielt, bzw. unwichtig wird, durch wen der Punkt errungen wurde.

Die (künstlerischen) Mittel sind dabei sekundär, bzw. müssen einem ständigen Updating unterworfen , der jeweiligen Spielstrategie angepasst und entsprechend verändert werden.

 

Aus unsere Studiumalltag

 

Gerade haben wir bei dem Komponisten Helmut Oehring, zu dessen 2006 in Basel uraufgeführten Oper UNSICHTBAR LAND  wir zur Zeit szenische Konzeptionen entwickeln, erleben können, wie wunderbar sich so ein Team erweitern kann.

Im Gespräch legte er dar, wie Konzeption und  musikalische Entstehung des Werkes im permanenten Dialog mit Regie und Bühne entstanden ist. Ein schönes Nebenergebnis dieser Begegnung war seine offensichtliche Begeisterung von den

unterschiedlichen Konzeptionen der Studenten zu seinem Werk und die daraus formulierte Idee einer künftigen gemeinsamen Arbeit.

 

So erleben wir immer wieder, dass sich aus vermeintlichem "Trockenschwimmen" bzw. "Simulationstraining für den Ernstfall" während der Semesterarbeiten ganz plötzlich Möglichkeiten eröffnen, die in Bereiche der professionellen Produktion reichen. 

 

Angeregt wird das unter anderem durch Verlinkung der Semesterarbeiten mit

Profi-Produktionen aus den unterschiedlichsten Gebieten.

Während der Arbeit an TERRORISMUS  der Brüder Presnjakov hatten wir unter anderem den russischen Filmregisseur Andrej Nekrasov mit seinem neuesten Film über Anna Politkovskaja bei uns im Atelier.

Zu 3 VON 5 MILLIONEN den Stückautor Armin Petras, zu den PERSERN die Kosovo-Reporterin Caroline Fetscher, und nun zu UNSICHTBAR LAND den Komponisten Helmut Oehring.

 

 

Erste Schritte in die Profiwelt sind inzwischen wesentlich schneller gemacht: Immer mehr Theater leisten sich Nebenspielstätten und Werkstattbühnen, wo der Nachwuchs ran darf .

Dabei mag oft auch der finanzielle Faktor eine Rolle spielen: in Zeiten von Etatkürzungen sind die jungen Teams einfach auch billiger als die großen Stars.

Aber umgekehrt ergeben sich eben genau dadurch auch eine Vielzahl von Chancen, wie sie noch vor 10 Jahren so nicht bestanden haben.

Entscheidend ist, dass man all diese Möglichkeiten - auch die während des Studiums  (so z.B. die halbjährigen Regiearbeiten der Studenten in Zusammenarbeit mit der Komischen Oper und dem Hebbeltheater)- nicht als Vorausgesetzt annimmt. Meint man den "Sieg schon in der Tasche zu haben" ist das Spiel bereits verloren.

 

Das ist eine Einstellungsfrage, bzw. die nach einer Haltung, die neben Lust und Spielfreude eben auch Hartnäckigkeit, Ausdauer und Unbedingtheit fordert.

Ohne diese Haltung braucht man gar nicht erst anzutreten, davon geben unsere eingeladenen "Experten des (Profi)Alltags" eine Ahnung.