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Umfrage

Bühnenbildner/in - Ein Beruf mit Zukunft?

 

Eine Umfrage der Bühnenbildklasse der UdK-Berlin

 

Die Studentinnen und Studenten der Bühnenbildklasse machen zunehmend die bittere Erfahrung, daß ihre Tätigkeit nach dem Studienabschluß wenig gefragt ist. Assistentenstellen werden rarer und damit sinken auch die Möglichkeiten für praktische Erfahrungen und weitere Qualifikationen, damit mittelfristig auch die Qualität der abgelieferten Arbeit. Sie wollten mehr Klarheit über ihre beruflichen Perspektiven und starteten eine Umfrage bei Theater- und Ausstattungsleitern zu deren Umgang mit Berufseinsteigern. Statt eines Rücklaufes veröffentlicht der Leiter des Studiengangs, Hartmut Meyer, an dieser Stelle seine Auswertung der Antworten. Seine Befürchtung: Wenn es keine Chance zur Qualifizierung in der Praxis gibt, verkommt das Bühnenbild zum puren Dekor. Da hilft dann die beste Technik nicht mehr ...

 

 

FRAGEN AN THEATER- UND AUSSTATTUNGSLEITER AN OPERN UND THEATERN

1. Bitte nennen Sie in Reihenfolge nach Wichtigkeit berufliche Voraussetzungen für

das Engagement eines Bühnenbildassistenten mit Berufswunsch Bühnenbildner an

Ihrem Theater.

-ein künstlerisches Studium

-ein Bühnenbildstudium

-ein Bühnenkostümstudium

-eine handwerkliche Ausbildung

-ein Architekturstudium

-eine ingenieurtechnische Ausbildung

-eine Ausbildung in Datenverarbeitung

-Erfahrungen in Dienstleistung und Service

-Erfahrungen mit elektronischen Medien

-gute CAD-Kenntnisse

- Erfahrung in Bühnenbildrealisierung im Rahmen von Hochschulprojekten

- Wie viele Inszenierungen muss ein Bühnenbildassistent an Ihrem Haus in einerSpielzeit betreuen?

2. Für welchen Zeitraum werden Assistentenverträge i. d. R. vergeben?

3. Welche Möglichkeiten der beruflichen Förderung für angehende Bühnenbildner

gibt es an Ihrem Theater?

- z. B. eigene Entwürfe zu kleinen Inszenierungen in Zusammenarbeit mit

anderen Berufsanfängern, wie RegieassistentInnen und Kostümassistentinnen,

zu realisieren?

-z. B. als Bühnenbildner in seiner Vertragszeit an anderen Häusern zu gastieren

-an Nachwuchsförderungen, wie Workshops oder Sommerakademien,

teilzunehmen?

-nach seiner Assistentenzeit einen Honorarvertrag für ein Bühnenbild zu einer

Inszenierung in ihrem Hause zu bekommen?

-andere Möglichkeiten?

 

Wichtigkeit von Ausbildungsformen aus der Sicht der Theater

wichtige Fächer Platz

Künstlerisches Studium 4

Bühnenbild 1

Bühnenkostüm 3

Handwerk 7

Architektur 6

Ingenieursausbildung 9

Datenverarbeitung 11

Dienstleistungen 10

Elektronik 8

CAD 2

Praxis 5

zu betreuende

Inszenierungen im Jahr ø6,7

13 Häuser mit 3 bis 7 Inszenierungen ø5

6 Häuser mit 8 bis 13 ø10

Vertragsdauer 1 bis 3 Jahre

 

Eigene Entwürfe 17

Gastieren 8

Workshop 4

Bühnenbilder im Haus 7

 

Die Existenzberechtigung der Bühnenbildausbildung ergibt sich aus ihrer Qualität und aus Anzahl der aus ihr hervorgegangenen erfolgreichen Bühnenbildner.

Mit Blick auf Studiensituation, Berufseinstieg, auf Chancen und Möglichkeiten des Buhnenbildners haben wir uns die Aufgabe gestellt mit einer speziellen Umfrage die Assistenten - und Absolventensituation in Oper und Schauspiel zu recherchieren. Zunächst einmal war es einfacher Zweck unseres Fragebogens, Äußerungen aus den traditionellen Wirkungsstatten des Bühnenbildners direkt zu unserem Studium zu bekommen, Meinungen zu hören hinsichtlich Fächerspektrum, Ausbildungsschwerpunkten usw., mit dem Ziel, nach der Analyse studieninterne Positionen zu überdenken. Denn, bewogen von beunruhigenden Informationen über finanzielle, organisatorische und kulturpolitische Entwicklungen, landesweit, entstand ein wachsendes Interesse unsererseits, Einblick in Strukturüberlegungen der Theater zu nehmen und über Maßnahmen zum Berufseinstieg von Buhnenbildabsolventen informiert zu sein. Unser Interesse galt allerdings nicht verbalen Aussagen sondern eher faktischen.

Mehrfach wurden wir in den Rückantworten aufgefordert, die Resultate unserer Umfrage zurückzusenden.

In der Tat, durch Bewertung und Vergleich vorliegender Fakten deuten sich Tendenzen an, die ziemlich überraschend sind, und deshalb haben wir uns entschlossen, unsere Auswertung für alle Theater zugänglich in der BTR zu veröffentlichen.

Zuallererst die für uns wichtigste Information: Von über siebzig Fragebögen bekamen wir lediglich fünfundzwanzig aus kleinen und großen Häusern zurück, das sind magere sechsunddreißig Prozent für die wir uns trotzdem nachdrücklich bedanken wollen. Einige Theater haben uns teils mit Interesse, teils mit Erstaunen mitgeteilt, dass es bei ihnen keine Bühnenbildassistenten gibt und in der Wuppertaler Bühnen GmbH in Zukunft auch keine geben wird. Zahlen sprechen für sich. Wir wissen, dass eine statistische Auswertung so nicht wirklich möglich ist. Gestatten Sie uns aber, dass wir es trotzdem versuchen.

1. Wer aus den Theatern hat uns geantwortet?

Den Meinungen von jeweils sieben Intendanten und Ausstattungsleitern standen Äußerungen von acht Technischen Direktoren, zwei Werkstattleitern und einem technischen Leiter, also elf Stimmen aus dem technischen Bereich gegenüber. Eine Überraschung für uns. Trotzdem stehen auf den Plätzen eins bis sechs der Liste der für die Theater wichtigen Studien- und Ausbildungsfächer fünf vorwiegend künstlerischer Art. Aber auf Platz zwei, gleich nach der Bühnenbildausbildausbildung, ist weder Handwerk, Praxis oder Architektur zu finden sondern CAD- Zeichnen. Schaut man jetzt noch genauer hin, wer denn das moderne Zeichnen so favorisiert, so haben wir die nächste Überraschung. Es ist nicht der technische Bereich sondern erstaunlicherweise das " Lager" der künstlerischen Leitung!

2. Die Tatsache, dass "Erfahrung in Dienstleistung" auf unserer Liste stand, hat möglicherweise Verwirrung ausgelöst, vielleicht auch nicht. Zur Information: In bildungspolitischen Strategiepapieren innerhalb und außerhalb von Universitäten taucht zunehmend der Begriff "Serviceleistung" auf, der angeblich auch die zukünftige Ausrichtung der Studiengange Bühnen- und Kostümbild beschreiben soll. Die Haltung der Theater zu diesem Thema interessierte uns.

Bei der Mehrzahl der von uns befragten Theater fällt er aber komplett durch, er landet an der vorletzten Stelle der Liste notwendiger Ausbildungsfächer. Theater ist also noch nicht Service und auch Assistenten, selbst wenn es manchmal so aussieht, müssen ihn nicht leisten.

3. Wenn unsere Absolventen nach fünfjährigem Studium Assistentenverträge an Theatern in Händen halten, sind sie bei den meisten Häusern auf zwei Jahre limitiert. Ein einzelnes Theater hat einen festen Assistenten mit unbegrenztem Vertrag, einige wie gesagt gar keine Assistenten. Durchschnittliche Anzahl der zu leistenden Inszenierungen pro Spielzeit sind knapp sieben, obwohl in der Mehrheit der Hauser, nämlich dreizehn, durchschnittlich fünf Produktionen betreut werden müssen. An sechs Theatern aber durchschnittlich satte zehn. In Mainz darf ein Bühnenbildassistent in einem Jahr sogar stolze dreizehn eigene Premieren feiern.

4. Interessante Kunde kommt aus auch dem Bereich Förderung. Siebzehn von fünfundzwanzig Theatern bieten den Assistenten selbstverantwortliche künstlerische Produktionen an und acht geben den Absolventen neben ihrer Tätigkeit die großzügige Möglichkeit anderswo zu gastieren (nach dem durchschnittlichen Gehalt haben wir leider nicht gefragt).Tatsache ist aber auch, dass nur weniger als ein Drittel der Theater ihren Assistenten nach Ablauf ihrer Verträge die Chance einräumen in ihrem Hause als Bühnenbildner Gelerntes widerzugeben. Ist hier das "Glas" ein Drittel voll oder zwei Drittel leer?

Alle Feststellungen sind, wie gesagt, wegen der geringen Anzahl der Auskünfte nicht wirklich repräsentativ. Wir sind aber froh, überhaupt etwas in den Händen zu halten und lassen uns eine, vielleicht ein wenig spekulative, Analyse nicht entgehen. Denn was vorliegt, gibt mehr her als Kaffesatzleserei.

Immer noch ist der erste Schritt nach dem Studium für eine Mehrzahl von Bühnenbildnerkarrieren die Assistenz in Oper und Schauspiel, als wichtiges Bindeglied zwischen Ausbildung und Beruf. Nicht mehr für viele Theater. An diese sei der Hinweis erlaubt, da sie doch hoffentlich an bildkünstlerischer Strahlkraft ihrer Inszenierungen interessiert sind, sich doch bitte der Möglichkeit der Förderung und Beeinflussung junger Talente nicht entgehen zu lassen. Dazu weiter unten mehr.

Andererseits ist es bedauerlich, dass an einigen Häusern den sonst so wachsamen Betriebsräten nicht die üppigen Arbeitszeiten von Bühnenbildassistenten ins Auge fallen. Allein die Vorstellung, wie und wann die dann ihre von den Theatern generös genehmigten Eigenproduktionen kreieren werden, mutet artistisch an.

Trotz vorkommenden Verschleißes werden Bühnenbildner in reichlicher Zahl nachwachsen. Woher sie kommen ist nicht mehr allein Frage von Talent, Zufall und anstrengender Ausbildung. Denn zahlreicher als gelernte Bühnenbildner treten ausgebildete Architekten und Designer auf, die im harten Daseinskampf ihre Liebe zum Theater entdecken. Mit dem schnellen"Master" in der Tasche, auf dem technischen Höchststand und mit dem repräsentativen Schwung ihrer Branche, scheinen sie Garanten des modern "ausstattenden" Theaters zu sein. Sie schmeicheln mit Hochglanzkatalogen den künstlerischen Leitungen der Theater. Unsere "konventionelle" Ausbildung, mit ihrer Vielfalt an Theater erprobten Lehrern wird, um bestehen zu können, vielleicht ähnliche Wege gehen müssen, noch allerdings legen sie großen Wert auf innere Qualitäten und investieren ihre Kraft in breit gefächerte künstlerische und praxisnahe Theaterausbildung.

Natürlich fordern die fortgeschrittenen technologischen Strukturen in den Theatern nach aufmerksamer Beachtung. Und die Ausbildung folgt ihnen in Form angepasster Fächer. Die Schweriner Intendanz muss sich nicht entschuldigen, wenn die Theater "im Bereich der Bühnenbildausbildung keine Assistenten unterrichten"(Zitat), denn das mussten sie nie. Wenn Schwerin den Wunsch nach besserer technischer und handwerklicher Vorbildung meint, so hat das Studium ihm nachzukommen und nicht das Theater. Inzwischen sind auch die meisten Bühnenbildklassen rechen- und videotechnisch hoch aufgerüstet, entgegen massiver finanzieller Widerstände der Universitäten. Aber die Frage sei erlaubt: Kann denn die Perfektion des CAD- Zeichnens im Kunststudium zum wesentlichen Bestandskriterium des Berufes generieren?

Unser Praxisbegriff hat weiterreichende Ziele. Es müssen neben elektronischem Zeichnen künstlerische Haltungen geprobt werden. Unsere Studierende brauchen konzeptionelle Auseinandersetzungen mit Regiestudierenden- oder Assistenten, brauchen Möglichkeiten realistischer Erfahrungen mit Schauspielern, Sängern und natürlich mit professionellen Werkstätten.

Nach Analyse von internen Evaluationen und Beobachtung der momentanen Theaterentwicklung sieht es so aus, dass die Bühnenbildklassen diese Arbeit zunehmend in eigene Hände werden nehmen müssen. Und es entwickeln sich interne Begegnungsformen, die bis jetzt außerhalb des Studiums lagen. Mittlerweile gibt es auch einige von und mit Theatern realisierte Kooperationen (z.B. Semesterweise Kurzopernprojekte mit der Komischen Oper Berlin), die über das gewöhnlich "Studentische" hinausreichen. Wir fördern sie, weil ihre präsentierten Ergebnisse innerhalb der Studienzeit einen sinnvollen Versuch darstellen, Studieninhalte früh zu reflektieren und ihre Inhalte nach draußen, in die Theater weisen.

Aber machen wir uns nichts vor, Nachwuchsförderung gehört selbstverständlich auch in den Verantwortungsbereich der Theater, selbst in den der Wuppertaler Bühnen GmbH. Niemand wird sie daraus entlassen können. Deswegen erwarten wir, die Vertreter der Hochschulen und die Studierenden, frische Impulse und richtungweisende Ideen aus den lebendigen Zentren der darstellenden Kunst.

Vielleicht bieten sich ja in Form von Kooperationen zwischen Ausbildung und Theater neue Modelle an. Das ist unser Angebot. Es gibt und gab sie immer, die neuen Modelle, auch in schlechten Zeiten, weil sie nichts mit Haushalt, nichts mit Feuilleton sondern mit Leidenschaft zu tun haben. Wir, die Lehrer und Studierenden der Bühnenbildklasse der UdK Berlin, freuen uns diesbezüglich auf interessante Post aus den Theatern.

 

ein Beitrag von Hartmut Meyer

erschienen in BÜHNENTECHNISCHE RUNDSCHAU Heft 6/2004