Hartmut Meyer in "Theater der Zeit" 5/2005
 Studentenprojekt Bühnenbildstudium
Ist das Lernen in künstlerischen Bühnenbildklassen von Berufsverschiebung, Dienstleistungsdruck und Interesselosigkeit der Theater bedroht - und vielleicht durch eigenverantwortliche Theaterprojekte zu retten? 
Unter Projekten an Kunsthochschulen, Akademien und Universitäten versteht man praktische Ausbildungsformen, in der unter der Leitung von Lehrern die Studierenden ihr künstlerisches Potential unter Beweis stellen sollen. Gute Theaterprojekte setzen gegenseitig interessierte Partner voraus, in diesem Fall intensive Beziehungen zwischen Professoren und Studenten. So könnten sie ideale Vorbereitungen auf den Theaterbetrieb sein. Bei der Bühnenbildnerausbildung wird dabei der komplette Arbeitsvorgang des Bühnenbildners angestrebt. Benötigt werden Schauspieler oder Sänger und Orchester, ein Theaterraum, ausreichende finanzielle Mittel, Werkstätten und Organisation. Vielfach lediglich Lippenbekenntnisse, Studenten begreifen das schnell.
Seit langem leidet das Ansehen von Studiengängen der darstellender Kunst hartnäckig unter dem Makel der selbstbezüglichen und wirklichkeitsfremden Lehre. Nicht zu Unrecht, wenn Dozenten nicht mehr an professionellen Theaterstätten arbeiten und sich mit veralteten Inhalten hinter Institutsmauern zurückziehen. Mitunter gelten Überzeugungen von zeitlosen Lehren, die außerhalb des Studiengangs schnell an Bedeutung verlieren. Ausbildungsformen und Methodik hinken den schnellen Theaterentwicklungen hinterher. Notwendige Auseinandersetzungen über Diskontinuitäten der darstellenden Kunst sind nicht möglich. Ähnliches geschieht, wenn Professoren weit ab den Schulen an Opernhäusern ihre üppigen Karrieren bauen, die Studenten sich selbst überlassen und in seltenen Gruppenkonsultationen ein edles Meister - Schüler Verhältnis pflegen.
Tatsache ist aber auch, dass Theater und Opern zur Ausbildung selten enge oder kontinuierliche Bindungen hatten. Ein abgestimmtes Ausbildungsprinzip, entwickelt von Vertretern aus Schulen und Theatern mit Förderung durch in Vertrag genommene Absolventen und großer Abschlussarbeit im Theater existierte nie. In der Regel werden Absolventen aus Bühnenbild – und Regieklassen, anders als Schauspieler oder Sänger, mit miserabel konditionierten Assistentenverträgen an die Häuser verpflichtet. Lange gehen sie dabei ausschließlich und ausgiebig den Profis zur Hand. Eigenverantwortliche Einstiegsarbeiten sind Risiko. Legitime Ansprüche darauf werden, im Vergleich zu realisierten Möglichkeiten noch vor wenigen Jahren, zunehmend abgewiesen. In Zeiten knapper Kassen und komplexer Existenzprobleme der Theater wächst die Diskrepanz zwischen Etablierten und Anfängern.
Im Gegensatz dazu ist es ehrgeizigen Initiativen junger Theaterleute zu danken, dass sie sich immer wieder freien Gruppen anschließen oder neue gründen. Ohne fremde Hilfe und man könnte fast sagen gegen den Willen von Ausbildung und Theater (wenn es denen nicht so egal wäre) basteln sie an ihren Visionen irgendwo in den Nischen kultureller Netzwerke und präsentieren aufgestöbert vom umtriebigen Journalismus der Öffentlichkeit überraschende Theaterkonzepte. Gut, dass das mittlerer weile selbstverständliche, zum Teil geförderte Strukturen sind und wirklichen Einstieg bedeuten können. Weniger leidenschaftliche Werdegänge werden allerdings durch wichtige Empfehlungen von Agenten oder Prominenten, auf dem Premierenfeierparkett oder schlicht durch Verwandtschaftsgrade hergestellt. Kein Wunder, dass Direktoren in diesen Fällen mit akzeptablen Engagements reagieren.
Trotzdem gibt es noch die „traditionellen“ Aufstiege in den Beruf: Nach lehrreicher Assistenzzeit bei interessanten Regisseuren und Bühnenbildnern, gefördert von selbst bewussten Theaterleitungen mit kleinen, selbständigen Produktionen, realisiert in Kammertheatern, Studiobühnen, Aulen, Bahnhofs – und Fabrikhallen und jeder Menge anderer Orte. Aber das sind seltene Ausnahmen.
In einer Umfrage hat unsre Bühnenbildklasse an der Universität der Künste in Berlin über siebzig Theater und Opern dieses Landes nach Förderkonzepten befragt. Fazit aus dem Häuflein magerer Auskünfte: Man kann von selbstverständlichen Entwicklungsmöglichkeiten für den Nachwuchs generell nicht mehr sprechen. Nicht nur, das einige Theater es bedauern, die Mittel für „Experimente“ nicht mehr zu besitzen. Im Extrem gibt es Häuser, die gar keine Bühnenbildassistenten mehr haben, andere, die nie welche hatten und es gibt eines, dass auch niemals welche engagieren würde (Wupperthaler Bühnen GmbH).
Vielleicht ist das auch gut so. Denn in der gleichen Umfrage favorisieren viele Theaterdirektoren neue Trends – hin zur technischen Fitness, zum technischen Assistenten. Konkurrenz belebt das Geschäft? Neben ausgebildeten Bühnenbildnern bevölkern zunehmend Absolventen aus der Massenausbildung der Designer -und Architekturschulen den Theaterarbeitsmarkt. Vollzieht sich da eine schleichende Berufsveränderung?
Unter der Spitze dieses Eisbergs macht ein Masterstudiengang Bühnenbild mit großem Werbeaufwand auf sich aufmerksam, dessen „Aufbau“ -Studenten nach zuvor abgeschlossenem Studium einen aus eigener Tasche bezahlten Theaterschnellkurs an der Technischen Universität Berlin durchlaufen. Sie finanzieren damit zusätzlich umfangreiches Katalogmaterial, das zu signalisieren scheint, dass die Studierenden nicht ausschließlich nur künstlerisch auf der Höhe der Zeit sind. Nach knappen zwei Jahren Kontakt mit dem Thema Bühnenbild sind sie für viele Direktoren gereift zu ideal- günstigen Partnern bei der Lösung ihrer Organisationsprobleme, speziell in den Abteilungen Technik und Werkstätten. Kann es sein, dass diese Leute mit ihren vielfältigen Erfahrungen den Perspektivengpass „Bühnenbild“ sehr verschwommen - oder eher sportlich sehen?
Sportlich sehen die „traditionellen“ Bühnenbildklassen den Theatereinstieg auch, wobei sie eine berufsnahe Vorgehensweise nach wie vor bevorzugen. Denn es gibt sie ja immer noch, bzw. es gibt sie nur, die klassischen Regie – Bühnenbildnerteams. Der Berufsanfang scheint darauf aber nicht mehr zugeschnitten.
Nicht nur Theater, auch Institute ändern sich. Und die Bildungspolitik? Sie steuert solche Entwicklungen mitunter genauso verheerend wie hilfreich. Eine durch die Berliner Kunstausbildungsstätten gewanderte Expertenkommission erfand vor zwei Jahren das Schlagwort Service. Ihrer Meinung nach würde ein optimiertes Bühnenbildstudium allein an der Bereitschaft und der Fähigkeit zu Serviceleistungen erkennbar sein! Kurioserweise genau der Studiengang, der meiner Meinung nach, für das ganz besonders Andere in der Bühnenbildnerei zuständig ist, nämlich besagter an der TU wurde von der gleichen Expertenkommission wegen allgemeiner Qualitätsmängel sofort aus dem Rennen geworfen? Dienstleistungswettbewerb als Kriterium im künstlerischen Studium ist nicht wirklich ernsthaft diskutierbar, entsprechend haben sich die beiden regulären Bühnenbildklassen in Berlin von der schwungvollen Formulierung distanziert. Aber die in dem gleichen Papier von den Experten formulierte Möglichkeit über anzustrebende vernetzte Strukturen im Hochschulbereich hat uns aufhorchen lassen.
Konkrete Reaktion auf alle diese überraschenden Entwicklungen war die Neuorientierung der Ausbildung unseres Studiengangs. Unsere Überlegungen gingen in Richtung Kooperationsprojekte:
Ausgehend von der simplen Tatsache, dass die Bühnenbildner in ihrem Beruf zu aller erst und aufs Engste mit Regisseuren zusammenarbeiten müssen, ergibt sich immer wieder die zwingende Frage, warum sie nicht schon im Studium damit anfangen sollten. Diese Frage habe ich mir als Student auch schon gestellt, dem jetzigen Intendant der Komischen Oper Berlin Andreas Homoki ging es nicht anders. Deshalb haben wir gemeinsam ein Kooperationsprojekt zwischen Oper und Schule installiert, das im dritten Jahr seiner Existenz sogar öffentliche Erfolge feiert. Der Grundgedanke der Kooperation ist das Erfahrungssammeln durch Üben an kleinen Inszenierungen in einem funktionierenden Theaterapparat, von Regiestudierenden und Bühnenbildstudierenden realisiert in gemeinsamer Verantwortung von der Konzeption bis hin zur Premiere.
Prinzipiell lassen sich Grundlagen auch theoretisch vermitteln. Mit Ausnahme allerdings von sehr eigenwilligen und unberechenbaren gruppendynamischen Erlebnissen, die ausschließlich praktisch erfahrbar sind. Eine herzustellende Theaterinszenierung ist so ein seltsamer, komplett untheoretischer Vorgang, der sich nicht in individueller Isolation sondern weitestgehend im Team vollzieht.
Gelernt wird, dass es zwei sehr unterschiedliche Sprachen gibt und von Bühnenbildnern und von Regisseuren gesprochen werden. Das ist auch notwendig und damit es dabei bleiben kann, bedarf es des gegenseitigen mühseligen Drucks zur Kommunikation. Denn es geht um ständige Findungen, um Übersetzungen und Einfälle - bei Ideensuche, beim Konzeptionsentwurf, bei ständigen Änderungen und im Probenstress. Das ist lernbar. Je eher, umso besser. Und ohne Lehrer. Sollten junge Bühnenbildner danach ziemlich genau wissen, dass nicht alles an einer Inszenierung ihrem Gestaltungswille ausgeliefert ist und die Regisseure erfahren, dass es visuelle Konzepte gibt, die entscheidende Teile ihrer Inszenierungsabsichten beschreiben können, ist schon viel erreicht.
Unter Umständen begreifen einige dann, wie ungeeignet sie eigentlich für diesen Beruf sind, andererseits erkennen andere, dass das hergestellte erstaunliche Produkt entschieden mehr ist. als die Summe aneinanderaddierter künstlerischer Fähigkeiten. Frühestens dann haben wir es mit den hoffentlich unbescheidenen Anfängen eines neuen Inszenierungsteams zu tun.
Die Idee zu unseren Projekten ist nicht neu. Gemeinsame Diplomarbeiten verschiedener Studiengänge an Theatern hat es immer gegeben. Was es aber nicht gab, sind Kooperationsprojekte als Ausbildungsformen in der Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit der Studiensemester, verbunden mit Theatermitteln, wie Werkstätten, Technik, Organisation und Öffentlichkeitsarbeit.
Paradoxerweise ist die zeitgenössische Theaterentwicklung innovativ und restaurativ gleichzeitig. Vielleicht ein Differenzierungsprozess?
Sollten wir an Hochschulen und Universitäten darauf z.B. mit Debatten über ästhetische Programme oder mit kritischen Analysen reagieren? Mit schnurrigen Lehrmeinungen oder gar mit geschmäcklerischen Wertungen?
Studierende in künstlerischer Ausbildung haben in vielfältigen Fachunterrichten ausreichend Diskursmöglichkeit. Darüber hinaus hat eine Stadt wie Berlin mit ihren Hochschulen und Universitäten diesbezüglich fast unendlich viele Angebote. Zentrales Thema ihres Studiums bleibt aber die eigene künstlerische Entwicklung, also ein aktiv gelebter, auf sich selbst bezogener Prozess. Aufgabe von Professoren und Dozenten ist es, diesen außerordentlich individuellen Vorgang zu optimieren. Lehrende sollten sich deshalb ihrer Möglichkeiten als Mentoren stärker bewusst werden. Haltungssuche, Rhythmus- und Wirkungsgesetze haben nicht die gleiche Halbwertzeit wie Theatermoden oder ästhetisch – künstlerischer Glaube und sind deshalb vermittelbar. Die emergenten Strukturen der Kunst sind immer die interessantesten, auch in der darstellenden Kunst und erlebbar für alle Beteiligte sind sie am besten, wie ich finde, in praktischen Projekten.
Ich frage mich jetzt, wie ausbaufähig oder ausbaunotwendig unsere Überlegungen sind. Arbeitsprozesse zwischen Regie- und Bühnenbildstudenten sollte es sicher auf unterschiedlichen Leistungsebenen geben, angefangen mit bescheidenen ersten Kontakten bis hin zum großen öffentlichen Wettbewerb. (vielleicht wird es ja dann für Theaterdirektionen auch wieder interessant?) Tatsache ist, dass die erreichten Positionen nur mit erheblicher Mühe zu halten sind. Wenn z.B.„Kooperation“ nicht als Fach im Lehrplan der Ausbildung steht, ist sie da auch schwer hineinzubekommen. Unsere Regiepartner bei „Hanns Eisler“ und „Ernst Busch“ arbeiten emsig daran. Hochschulmittel reduzieren sich jedes Jahr - und Theatermittel? Aus unserer Sicht ist in Fragen Nachwuchsförderung die Komische Oper eine lobenswerte Ausnahme in einer weitestgehend ignoranten Theaterszene. Damit es weitergehen kann ist vielleicht Sponsoring ein neues Zauberwort?
Attraktivität, Sinngehalt und innerer Bestand künstlerische Studiengänge hängen ab von der Fähigkeit, auf aktuelle berufliche Situationen reagieren zu können. Die Arbeit an unseren Projekten half zumindest, diesem Thema sehr nahe zu sein. Aus den Begegnungen in den Projekten haben mittlerweile viele junge Theaterleute potentielle Partner gefunden, deren gemeinsame Aktivitäten bereits weit aus den Studienbetrieb hinausweisen.
Prof. Hartmut Meyer
Leiter der Bühnenbildklasse der UdK Berlin

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